Brexit

d_b

Well-Known Member
Ein Aspekt, der zwar angesichts der (angeblich) friedenstiftenden Funktion der EU weniger wichtig erscheint, aber trotzdem anzumerken ist: die EU hat eine Menge lokale Kultur zerstört. Oder netter formuliert, man konnte in Prä-EU-Zeiten in jedem europäischen Land mehr kulturelle Eigenheiten entdecken als das heute der Fall ist.

Ein einfaches Beispiel, welches zunächst recht unerheblich zu sein scheint, jedoch als stellvertretend für viele Bereiche des kulturellen Lebens betrachtet werden kann: In Jugoslawien gab es damals "Cockta" und "Jupi" statt Cola und Fanta. Griechenland hatte "Ivi". Schmeckte alles anders und dort war der griechische/türkische Kaffee sehr verbreitet. Insgesamt wurden mehr lokale Spezialitäten gegessen. Selbst in D waren wir oft "Zum Alten Fritz" Schnitzel essen. Egal, wo man hinfuhr, man aß etwas lokales und musste im Gegenzug auf das Bekannte zuhause verzichten.

Heute: Man landet in Budapest und sieht als erstes ein Einkaufszentrum mit KiK, C&A, Müller und Lidl in Flughafennähe. Griechischer Kaffee in Griechenland? Ja, bekommt man, aber oft furchtbar schlecht zubereitet von Leuten, die keine Ahnung haben, wie das schmecken soll (Schaum, Baby!). Ivi habe ich lange nicht mehr gesehn. Ich kenne an meinem derzeitigen Aufenthaltsort auch kein einziges gutes Schnitzelrestaurant (Großstadt mit 500k Einwohnern).

Der Verlust lokaler Kultur wird besonders dann offenbar, wenn man dort hinfährt, wo er noch nicht so stark zu stattgefunden hat, z.B. in den Nicht-EU-Balkanländern. Bei meinen letzten Besuchen musste ich feststellen, dass es dort größtenteils noch so war, wie in meiner Kindheit.
Bisschen eindimensional, meinst du nicht auch?
 

d_b

Well-Known Member
Zum einen: Inwiefern hat die EU aktiv Kultur zerstört?
Zum anderen finde ich, unterstellt, die EU hat einen Beitrag geleistet, deine Aussage recht plump und einseitig, weil monokausal. Ich weiß - Gnade der späten Geburt - nicht, wie Europa in Prä-EG/EU-Zeiten aussah. Dass die berühmte Angleichung der Innenstädte aber ein Faktum ist, will ich gar nicht abstreiten. Aber meinst du nicht eher, dass das ein Zusammenspiel vieler Faktoren (Globalisierung, geöffnete Märkte, multinationale Konzerne, die ihren Einfluss ausbauen, wachsender Wohlstand, das Konsumentenverhalten, etc.) ist? Klar, bei geöffneten Märkten kann man der EU den schwarzen Peter zuschieben, wenn man das will. Aber die Aussage, "Die EU hat lokale Kultur zerstört" finde ich reichlich plump und sehr banalisiert.
Das geht jetzt deutlich darüber hinaus und hat mit dir, @Scarlatti, auch wenig zu tun. Aber dieses reflexhafte "DiE eU iSt scHulD UnD BöSE" finde ich unendlich anstrengend.
 

Conschti

New Member
Zum einen: Inwiefern hat die EU aktiv Kultur zerstört?
Zum anderen finde ich, unterstellt, die EU hat einen Beitrag geleistet, deine Aussage recht plump und einseitig, weil monokausal. Ich weiß - Gnade der späten Geburt - nicht, wie Europa in Prä-EG/EU-Zeiten aussah. Dass die berühmte Angleichung der Innenstädte aber ein Faktum ist, will ich gar nicht abstreiten. Aber meinst du nicht eher, dass das ein Zusammenspiel vieler Faktoren (Globalisierung, geöffnete Märkte, multinationale Konzerne, die ihren Einfluss ausbauen, wachsender Wohlstand, das Konsumentenverhalten, etc.) ist? Klar, bei geöffneten Märkten kann man der EU den schwarzen Peter zuschieben, wenn man das will. Aber die Aussage, "Die EU hat lokale Kultur zerstört" finde ich reichlich plump und sehr banalisiert.
Das geht jetzt deutlich darüber hinaus und hat mit dir, @Scarlatti, auch wenig zu tun. Aber dieses reflexhafte "DiE eU iSt scHulD UnD BöSE" finde ich unendlich anstrengend.

Außerdem schützt die EU besonders im Lebensmittelbereich regionale Spezialitäten durch Herkunftsbezeihnungen (g.U., g.g.A. und g.t.S ).
 

Scarlatti

Well-Known Member
Ah, verstehe. Danke für die Ausführungen.

Zum einen: Inwiefern hat die EU aktiv Kultur zerstört?
Zum anderen finde ich, unterstellt, die EU hat einen Beitrag geleistet, deine Aussage recht plump und einseitig, weil monokausal.

Der Beitrag der EU an der Zerstörung lokaler Kultur ist tatsächlich schwer zu bestimmen, denn, wie du schon sagst, es könnte auch gut sein, dass das gleiche Ausmaß auch ohne EU erreicht worden wäre. Ein Problem an dieser Argumentation ist nur, dass das auch für viele anderen der der EU zugeschriebenen Effekte gilt, z.B. deren angeblich friendensstiftenden Wirkung. Vielleicht hätten sich die Staaten auch ohne EU mit kriegerischen Auseinandersetzungen zurück gehalten.

Ohne ein Paralleluniversum als Kontrollbedingung, in dem zum Prä-EU-Zeitpunkt alles genau so war wie in unserem, nur ohne Zustandekommen der EU, können wir den Beitrag der EU in solchen Dingen eigentlich nicht bestimmen.

Wir könnten jetzt schulterzuckend diese Diskussion ad acta legen, oder aber zumindest Hinweise auf die potenziellen Beiträge der EU suchen. Die kann man m.E. finden, wenn man den Zustand zwischen Ländern vergleicht, die der EU beigetreten sind, und denen, die das nicht sind - bei möglichst hoher Vergleichbarkeit dieser jeweiligen Länder vor dem Beitritt ersterer. Mein Beispiel war da der Balkan.

Ich weiß - Gnade der späten Geburt - nicht, wie Europa in Prä-EG/EU-Zeiten aussah. Dass die berühmte Angleichung der Innenstädte aber ein Faktum ist, will ich gar nicht abstreiten. Aber meinst du nicht eher, dass das ein Zusammenspiel vieler Faktoren (Globalisierung, geöffnete Märkte, multinationale Konzerne, die ihren Einfluss ausbauen, wachsender Wohlstand, das Konsumentenverhalten, etc.) ist? Klar, bei geöffneten Märkten kann man der EU den schwarzen Peter zuschieben, wenn man das will.

Ich gebe dir hier Recht. Es könnten viele Faktoren bzw. deren Interaktion ursächlich sein. Nur glaube ich nicht, dass die EU vollkommen "unschuldig" hierbei ist.

Das geht jetzt deutlich darüber hinaus und hat mit dir, @Scarlatti, auch wenig zu tun. Aber dieses reflexhafte "DiE eU iSt scHulD UnD BöSE" finde ich unendlich anstrengend.

Ich nehme es nicht persönlich. Politische Diskussionen sind oft ermüdend, besonders, wenn man die unbeliebtere Position vertritt.
 

Scarlatti

Well-Known Member
Außerdem schützt die EU besonders im Lebensmittelbereich regionale Spezialitäten durch Herkunftsbezeihnungen (g.U., g.g.A. und g.t.S ).

Das hilft nichts, wenn sich andere Produkte in den Markt schleichen und die lokalen verdrängen. Die neuen müssen hierbei nicht einmal so viel besser sein. Allein die größere "Breite" bedingt schon einen Verlust an "Tiefe". Konkret: wenn in einem Dorf X ein Restaurant mit Spezialitäten aus einer exotischen anderen Region aufmacht, gehen die Leute aus dem Dorf X deswegen nicht öfters essen. Wenn es ihnen gefällt, dann hat das neue Restaurant Erfolg und alle anderen Restaurants, die die Facetten der lokalen Kulinarik repräsentieren, Einbußen. Mittelfristig führt das eben dazu, dass das Dorf X an kulinarischer Breite gewinnt und an kulinarischer Tiefe verliert.

Das ist aber auch nur ein Beispiel. Vergleichbare Vorgänge findet man eben auch in ganz anderen Bereichen. Irgendein gesetzlicher Schutz (z.B. von lokalen Dialekten etc.) ist da machtlos.
 

d_b

Well-Known Member
Ah, verstehe. Danke für die Ausführungen.

Der Beitrag der EU an der Zerstörung lokaler Kultur ist tatsächlich schwer zu bestimmen, denn, wie du schon sagst, es könnte auch gut sein, dass das gleiche Ausmaß auch ohne EU erreicht worden wäre. Ein Problem an dieser Argumentation ist nur, dass das auch für viele anderen der der EU zugeschriebenen Effekte gilt, z.B. deren angeblich friendensstiftenden Wirkung. Vielleicht hätten sich die Staaten auch ohne EU mit kriegerischen Auseinandersetzungen zurück gehalten.

Ohne ein Paralleluniversum als Kontrollbedingung, in dem zum Prä-EU-Zeitpunkt alles genau so war wie in unserem, nur ohne Zustandekommen der EU, können wir den Beitrag der EU in solchen Dingen eigentlich nicht bestimmen.

Wir könnten jetzt schulterzuckend diese Diskussion ad acta legen, oder aber zumindest Hinweise auf die potenziellen Beiträge der EU suchen. Die kann man m.E. finden, wenn man den Zustand zwischen Ländern vergleicht, die der EU beigetreten sind, und denen, die das nicht sind - bei möglichst hoher Vergleichbarkeit dieser jeweiligen Länder vor dem Beitritt ersterer. Mein Beispiel war da der Balkan.

Ich gebe dir hier Recht. Es könnten viele Faktoren bzw. deren Interaktion ursächlich sein. Nur glaube ich nicht, dass die EU vollkommen "unschuldig" hierbei ist.

Ich nehme es nicht persönlich. Politische Diskussionen sind oft ermüdend, besonders, wenn man die unbeliebtere Position vertritt.
Mich würde wirklich interessieren, welche Beiträge der EU du denn konkret siehst, die aktiv Kultur zerstört haben? Wie gesagt, ich akzeptiere, dass die EU Rahmenbedingungen geschaffen hat, die begünstigend wirken können (Stichwort: Europäischer Binnenmarkt, der aber gewiss auch etliche positive, insbesondere wohlstandsfördernde Auswirkungen hat).

Das hilft nichts, wenn sich andere Produkte in den Markt schleichen und die lokalen verdrängen. Die neuen müssen hierbei nicht einmal so viel besser sein. Allein die größere "Breite" bedingt schon einen Verlust an "Tiefe". Konkret: wenn in einem Dorf X ein Restaurant mit Spezialitäten aus einer exotischen anderen Region aufmacht, gehen die Leute aus dem Dorf X deswegen nicht öfters essen. Wenn es ihnen gefällt, dann hat das neue Restaurant Erfolg und alle anderen Restaurants, die die Facetten der lokalen Kulinarik repräsentieren, Einbußen. Mittelfristig führt das eben dazu, dass das Dorf X an kulinarischer Breite gewinnt und an kulinarischer Tiefe verliert.

Das ist aber auch nur ein Beispiel. Vergleichbare Vorgänge findet man eben auch in ganz anderen Bereichen. Irgendein gesetzlicher Schutz (z.B. von lokalen Dialekten etc.) ist da machtlos.
Gut, aber was soll deiner Meinung nach die Konsequenz sein? Abschottung der Märkte, um erhaltenswerte Kultur zu erhalten? Wer bestimmt eigentlich, welche Kultur erhaltenswert ist, wenn nicht diejenigen, die Nutznießer dieser Kultur sind?
Ich möchte auch noch eines in den Raum stellen: Man mag den Verlust von kulturellen Aspekten jeder Art beklagenswert finden. Man sollte sich aber bewusst sein, dass diese Kultur eine Momentaufnahme in der Geschichte der Menschheit ist.
 
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