Sakko-Ansichten von Max Dietl, Teil 1

Das Sakko ist im Mode-Mainstream wieder sehr gefragt, deshalb habe ich mich an ein Gespräch erinnert, das ich mit Max Dietl in München geführt habe. Es ging darin um seine persönlichen Ansichten über die Sportjacke. Max Dietl führt in seinem Münchener „Couturehaus“ Anzüge der besten Manufakturen Italiens, obendrein gibt es dort ein großes Maßatelier und Haute-Couture für Damen. Hier nun Teil 1 von Max Dietls so persönlichen wie interessanten Ansichten über das Sakko.

1. Ich weiß, es sieht immer etwas nach Vertreter aus, und manche Freunde machen sich auch lustig darüber. Aber ich ziehe im Auto immer das Sakko aus, jedenfalls vor längeren Fahrten. Durch das Festhalten des Steuers kriegen die Ärmel Falten und auch der Rücken wird zerknautscht. Da habe ich einfach zu viel Respekt vor der Arbeit unserer Schneider, um dem Stoff so eine Tortur anzutun.

2. Wenn ich japanisch essen war und das Fleisch direkt am Tisch gebraten wurde oder ich in der L-Bar (meinem Münchener Zigarrenclub) geraucht habe, hänge ich mein Sakko über Nacht ins Freie. Die Luftfeuchtigkeit gibt der Faser seine Elastizität zurück und der Wind pustet den Geruch heraus. Bei ganz hochgezwirnten Stoffen muss man aber aufpassen, die werden durch die Feuchtigkeit wellig, weil das Garn etwas an Spannung verliert.

3. Ich lasse meine Sakkos so selten wie möglich und so oft wie nötig chemisch reinigen, durch allzu häufiges Reinigen werden sie nämlich nicht besser. Meistens reicht gründliches Ausbürsten völlig. Ich habe zwei verschiedene Bürsten, eine mit harten Naturborsten für unempfindliche Schurwollstoffe und Tweed und eine weiche aus Ziegenhaar für Kaschmirsakkos. Wenn das Teil einfach nur zerknittert ist, können Sie es auch Aufbügeln lassen, fragen Sie mal die Reinigung, ob die das machen. Wenn Sie selbst zum Eisen greifen, dann bitte immer ein feuchtes Baumwolltuch zwischen Bügelsohle und Sakko legen, sonst glänzt der Stoff hinterher. Mein Tipp: Zerschneiden Sie ein altes Hemd (natürlich 100 Prozent Baumwolle), das auch durch neue Kragen und Manschetten nicht mehr zu retten wäre – der Rücken gibt ein perfektes Bügeltuch ab.

4. Das Sakko braucht Ruhephasen, pro Tag im Einsatz mindestens 24 Stunden, besser 48. Und achten Sie auf die Bügel, sie sollten schön breit und wie die Schulter geformt sein. Selbst in guten Hotels hängen oft nur ganz flache Bügel, deswegen schleppe ich immer meine eigenen, massiven Formbügel mit. Meine Frau amüsiert sich darüber, aber die eigenen Bügel haben noch einen anderen Vorteil. Die im Hotel haben oft keinen Haken, denn der ist fest mit der Stange im Schrank verbunden, der Bügel wird nur mit dem Stiel eingeklinkt. Dadurch können Sie die Sachen nur in den Schrank hängen – und nicht ins Bad oder auf den Balkon. Wenn das Sakko nach Rauch oder Essensaromen riecht, möchte ich es aber nicht ungelüftet zur übrigen Garderobe tun.

5. Einmal hat mir jemand bei einer sommerlichen Weinprobe ein ganzes Glas Rotwein auf mein helles Baumwollsakko gekippt. Meine Frau hat es mir sofort vom Leib gerissen und den roten Fleck mit einer halben Flasche Weißwein großzügig durchnässt. Die anderen Leute haben erst ein bisschen komisch geguckt, als der Rotweinfleck dann aber rausging, waren sie beeindruckt. Statt Weißwein geht auch Champagner. Salz draufstreuen hilft ebenfalls, denn es saugt die Flüssigkeit hervorragend auf. Wichtig dabei: Genug Salz nehmen, ihm ausreichend Zeit zum Aufsaugen geben und es hinterher nur ausschlagen und runterschütteln, nicht mit einem Tuch abreiben. Die Kristalle können empfindliche Stoffe sonst aufrauen.

6. Auf Autoreisen verstaue ich meine Sakkos in Kleidersäcken. Da gehen locker zwei oder drei Sakkos rein, von mehr rate ich aber ab, weil sie sich sonst gegenseitig zerdrücken. Die Kleidersäcke lege ich dann in den Kofferraum oder hänge sie an die Handgriffe im Fond. Auf Flugreisen verwende ich einen riesigen Koffer, der ist fast zu breit für das Gepäckband beim Einchecken. Aber wenn man nicht genug Platz hat, werden die Sakkos gequetscht. Wichtig beim Zusammenlegen: Hohlräume ausstopfen. Wenn kein Seidenpapier zur Hand ist, dann eben mit Hosen, Pullovern oder Unterwäsche.

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Bernhard Roetzel

Bernhard Roetzel schreibt über Herrenmode und verschiedene Stilfragen. Der Bildband "Der Gentleman. Handbuch der klassischen Herrenmode" ist seine bekannteste Publikation, sie liegt in fast 20 Übersetzungen vor.