Maßprojekte unserer Mitglieder

bluesman528

Ruhrpotthanseat
Siehe auch https://stilmagazin.de/forum/threads/was-trage-ich-heute-sammelthread-teil-3.33645/post-633222

Bluesman went bespoke. Warum denn das? Die Suitsupply-MTM-Nummer lief doch gut. Ja, lief sie, aber den anstehenden Suitsupply-MTM-Systemwechsel von Munro auf Wasauchimmer wollte ich jetzt nicht mehr mitgehen, das hätte nämlich wieder bedeutet, dass ich zwei bis drei Iterationen gebraucht hätte, um auf den Stand zu kommen, den ich jetzt mit Munro habe, also ohne zusätzlichen Benefit. Dazu habe ich 37 Anzüge und Kombinationen (nun 38, aber vielleicht schicke ich noch einen der älteren in Rente), ich brauchte jetzt ganz sicher nicht mehr 3 Neuzugänge pro Saison.

Also erinnerte ich mich an die auch hier publizierten Vollmaßprojekte von Mitforist @zr3rs mit Sebastian Hoofs (der dazu für mich noch bequem zu erreichen ist, Long-Distance-Projekte über Fremdsprachengrenzen sind meine Sache nicht) und meine Bewunderung für den Pariser Stil von Camps de Luca und Smalto seit den alten Jean-Gabin-Fim-Noir-Tagen, der in seinen Arbeiten recht deutlich als Inspiration zu erkennen ist. Gedacht, getan, ich schlug dort auf mit einem Haufen Camps-de-Luca-Beispielfotos auf dem Smartphone und diesem Crispaire-Windowpane-Stoff im Hinterkopf und rannte offene Türen ein. Der Rest ist Geschichte. ;)

(Alle Fotos hier mit freundlicher Genehmigung von Sebastian Hoofs)
sebastianhoofs_20200718_165627_3c.jpgIMG_20200606_171142c.jpgsebastianhoofs_20200718_165520_0c.jpgsebastianhoofs_20200718_165627_2c.jpgsebastianhoofs_20200718_165611_0c.jpg

Was ist mein Eindruck? Sebastian Hoofs ist ein im Umgang sehr angenehmer, fähiger und hochambitionierter Schneider, das ist schon mal klar. Technisch ist das Werk mit allen möglichen handwerklichen Schmankerln gespickt. Dank meiner verschrobenen und leicht verfetteten Figur musste er beim Sakko widerwillig "konventionell" mit einem Seitenteil arbeiten, aber es hat erschreckenderweise keine Front-Darts und trotzdem Kontur. :eek:;) Die technische Passform ist schön gelungen, alles sitzt auch in Bewegung noch mal erheblich besser als die wahrlich nicht schlecht gelungenen MTM-Teile und ist gleichzeitig komfortabler zu tragen. Das Windowpane-Muster bei einer Erstanfertigung hat den Schneider ordentlich schwitzen lassen ;), aber der Musterverlauf ist toll gelungen, selbst am Übergang zwischen Brust und oberem Ärmel. Aber auch stilistisch ist das mal eine ganz andere Richtung, die meine vorhandenen Sachen gut ergänzt. Die Schulter ist ein exaltierter Traum (auch wenn das sicherlich nicht jedermanns Traum ist :)). Der Prozess der Entstehung ist sehr interessant, aber gibt mir nicht den Hauptkick, auch wenn ich die Details schon sehr aufmerksam verfolge, soweit es mein Wissen hergibt. Das erledigte dann das Ergebnis, das mich technisch und stilistisch begeistert hat. Es war eine logische Weiterentwicklung für mich, die auch in Zukunft weiter verfolgen werde. Gewöhnt Euch schon mal daran, dass ich Euch damit häufiger in ähnlicher Zusammenstellung im WTIH-Thread auf den Nerv gehen werde. :cool:
 

catasha

Well-Known Member
Ich habe das Gefühl irgendwann verschlägts jeden mal Richtung Bespoke..wenn man deine große Anzahl an Stücken sieht dann ist das imho auch nur logisch, das irgendwann nochmal zu probieren.
 

bluesman528

Ruhrpotthanseat
Ich hoffe, dass Du Deine anderen 38 SuSu-Anzüge trotzdem noch genießen kannst.
Da werde ich kein Problem haben, weil sie stilistisch ganz anders sind und sich auch von den Stoffen her nicht verstecken müssen. Vollmaß hat hier halt einen nicht ganz verdienten Heiligenschein, weil man ohne Kenntnis des Prozesses schnell unreflektiert glaubt, hey, das ist ja automatisch der perfekte Anzug. Erstens gibt es so etwas wie einen perfekten Anzug nicht, zweitens braucht es ab einem gewissen Passform-Niveau, das gegeben sein muss, keine absolute Perfektion, um in einem Anzug gut auszusehen, und drittens kann man durch die Anwendung von für die eigene Erscheinung ungünstigen Stilmerkmalen einen Vollmaßanzug auch bei sehr guter technischer Qualität für den Träger komplett verhunzen. Ein Hoofs ist halt auch gestalterisch stark, hat ein Auge für Proportion innerhalb seines „Hausstils“ neben den handwerklichen Fertigkeiten.

Deswegen wollte ich eigentlich den Anzug erst mal neutral präsentieren, ohne etwas Beeinflussendes über seine Herkunft verlauten zu lassen. Durch die auffällige Machart war das vor einem informierten Publikum aber dann letztlich schnell zum Scheitern verurteilt. ;)
 

AmicoE.Z.

Well-Known Member
Nein, auch wenn es gerade wegen der miserablen Belichtung und des zerknitterten Stoffes so aussieht. Kürzlich sprach ich mit einer befreundeten Schneidermeisterin, die, ebenso wie ich, klassischen Schnitten und Verarbeitungsweisen zugetan ist. Als ich ihr erklärte, wie schwer es sei, kurze Hosen zu finden, die oberhalb der Hüfte sitzen, daß ich aber doch wegen des warmen Wetters welche benötigte, fragte sie mich kurzerhand nach einigen Maßen, sie könne ja einmal sehen, was sich machen lasse. Am nächsten Tag rief sie mich an, ich möge vorbeikommen, sie habe einen Schnitt und eine Nessel-Hose angefertigt. Diese ist auf den Bildern oben zu sehen. Die Maße an mir hatte ich leider genommen, als ich eine lange nichts gegessen hatte, dementsprechend ist die Hose gerade dort nicht passend.
Änderungen am Schnitt:
Es wurde mehr Weite in der gesamten Bundregion gegeben, um diese bequem mit side adjusters oder chinch back
verstellen zu können. Außerdem war mir die Bundhöhe noch zu niedrig, der angesteckte Streifen zeigt die finale Leibhöhe. Die Gesäßlinie (oder wie die zentrale Gesäßnaht heißt) wurde auch verändert, Abnäher und Bundfalten wurden vertieft.
Stilistisch ist die Hose in den 1920er und 1930er Jahren zu verorten: hoher, kontinuierlicher Bund, inward pleats, Seitenschnallen, Eingriff mit Knopfleiste, schwerer (~423-430g) Hanf-Twill oder -fischgrät (der dann auch anders fällt als dieser viel zu leichte Nesselstoff).
IMG_0660.JPG
 
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