Erfahrung mit Anzügen von "Regent"

Borrelli

Well-Known Member
Regent war, wenn ich das mal so sagen darf, bis vor einigen Jahren eher altbacken oder konserativ; gute, schlichte Qualität, was für solide Unternehmer wie mein Onkel einer war.
Kiton spielte zu dieser Zeit optisch und m.E. auch qualitativ in einer ganz anderen Liga; was für Feingeister, Künstler und Liebhaber der Schneiderkunst.
Heute hat Regent - nach einer Art Durststrecke mit Produktion außerhalb von Weißenburg - den Stil und das Image geändert und sich vielleicht dem italienischen angepasst.
Regent liefert nach wie vor gute Qualität und ist - meine Meinung - immer noch oder jetzt wieder "weltklasse". Dabei setze ich natürlich auch den Preis bzw. den Preis im Ausverkauf ein und ich habe auch einen Regent Anzug S 200, der im Geschäft 7.000 € gekostet haben soll oder kosten sollte, denn es hat ihn ja für diesen Preis keiner gekauft.
Wenn ich nun allerdings z.B. bei Lodenfrey in München einen Micron 15 (oder so) für knapp 5.000 € von Kiton sehe und - viel wichtiger - anfasse und das Sakko überziehe, dann ist das was anderes. Der Anzug ist kein Anzug, sondern ein Gewand, ein "körperschmeichler", ein Gedicht.
Oder sagen wir es mal anders: gäbe es Einheitspreise oder spielte das Geld wirklich keine Rolle, dann würde ich mir dieses 5.000 € Kleid kaufen, und nichts anderes. Das es Kiton heißt, spielt dabei sicherlich (k)eine Rolle.
 

Andreas Gerads

Stilmagazin-Inhaber
Ich glaube einfach, dass wenn man sich etwas etwas besser präsentieren würde, die Geschäfte auch besser laufen würden.

Halten wir doch mal fest:
  • bis zu Ludwigs Beitrag hier, oder auch meinem zum Musterverlauf eines Sakkos, war Regent hier im Forum wahrscheinlich sehr vielen noch unbekannt
  • das staubige Image ist man immer noch nicht losgeworden, da schlechtes Marketing (zu wenig am Kunden orientiert, zu abgekoppelt und vor allem uninteressant. Wenn ich mir die "neue" Webseite aus 2008 ansehe freue ich mich, dass sich was getan hat, aber informativ und "neugierig machend" ist anderes)
  • im Markt nimmt man Regent absolut nicht wahr, es scheint überhaupt niemanden zu geben, der das Unternehmen nach außen repräsentiert und den Elfenbeinturm verlässt, um das Unternehmen bekannter zu machen

Das größte Problem, das Regent m.E.n. hat ist die Kommunikation mit dem (Endverbraucher-)Markt. Ob das Produkt am Ende ebenbürtig zu den genannten Italienern ist muss dieser entscheiden, so wie sich hier deutliche, wenn auch unterschiedliche, Meinungen dazu abbilden.

Wo wir aber grundsätzlich alle auf einer Linie sind ist die Tatsache, dass Regent kein Qualitäts-Problem hat.
 

Antonio De Curtis

Gast
Wo wir aber grundsätzlich alle auf einer Linie sind ist die Tatsache, dass Regent kein Qualitäts-Problem hat.

Regent hat sogar ein riesengrosses "Qualitätsproblem", aber nur beim Marketing.;)

Wertungen a la X ist besser als Y weil hier dies und jenes so gemacht wird halte ich für unangebracht. Wir sind uns doch hoffentlich einig, dass alle genannten Firmen, Italiener wie Regent, in einer eigenen, sagen wir Champions League, spielen. Eine Rehenfolge will ich nicht aufstellen, denn ich bin der Überzeugung, dass man etwas gut finden kann, ohne zwangsläufig etwas anders schlecht oder schlechter;)

Dies erinnert mich einwenig an unseren Thread über den deutschen Stil. Genau so hatte ich es gemeint. Jeder, der das Wort Anzug auch nur buchstabieren kann, kennt Kiton und Brioni, aber nichtmal 20% derer, die den Soer Katalog bekommen, wissen warum eine Regent Hose über 100€ mehr als Hiltl kostest... wenn sie Regent überhaupt kennen. Und das finde ich schade.

Liebe Grüsse

Sandro

P.S Mein nächster Anzug wird von Regent sein
 

Hovawart

Member
Eure Wertung des Marketings von Regent klingt sehr theoretisch, weil keiner die praktischen Überlegungen kennt, die dahinter stehen.

Die Denke des italienischen Eigentümers könnte doch auch wie folgt lauten:
"Wir haben in Weissenburg eine Produktionskapazität, die mit den verwendeten Marketingmethoden voll ausgeschöpft ist und dadurch einen ordentlichen Ertrag abwirft. Höhere Umsätze wären mit Investitionen in den Standort verbunden und diese sind zumindest derzeit aus strategischen Gründen nicht gewollt"!

Ich glaube kaum, dass man italienischen Investoren das kleine Einmaleins beibringen muss - und aufrecht an der Wand schlafen die auch nicht. Und mit größeren Stückzahlen verdient man nicht zwangsläufig auch mehr Geld!
 

bertone

Well-Known Member
Halten wir doch mal fest:
  • bis zu Ludwigs Beitrag hier, oder auch meinem zum Musterverlauf eines Sakkos, war Regent hier im Forum wahrscheinlich sehr vielen noch unbekannt
  • das staubige Image ist man immer noch nicht losgeworden, da schlechtes Marketing (zu wenig am Kunden orientiert, zu abgekoppelt und vor allem uninteressant. Wenn ich mir die "neue" Webseite aus 2008 ansehe freue ich mich, dass sich was getan hat, aber informativ und "neugierig machend" ist anderes)
  • im Markt nimmt man Regent absolut nicht wahr, es scheint überhaupt niemanden zu geben, der das Unternehmen nach außen repräsentiert und den Elfenbeinturm verlässt, um das Unternehmen bekannter zu machen

Das größte Problem, das Regent m.E.n. hat ist die Kommunikation mit dem (Endverbraucher-)Markt.

Könntest Du die angegebenen Punkte inhaltlich etwas mehr unterfüttern -
als Marken/Marktanalyse geht das meiner Meinung nach an der Realität(seit einigen Jahren) vorbei ?:confused:

Ich sehe Regent in den SÖR-Filialen ganz selbstverständlich neben Brioni und Windsor hängen, oder bei anderen Geschäften in zB. der "Anzughochburg" Frankfurt.
Dazu gibt es offensichtlich MTM-Möglichkeiten/Masstage bei mehreren Herrenausstattern.
Auch im Manufactum-Katalog sind Kleidungstücke von Regent mit der typisch umfangreichen Produktinformation zu finden.
In Illustrierten (Lifestyle,Wirtschaft) habe ich mehrfach Beiträge über Regent gelesen.

Von "dem Kunden" zu reden oder einen geringen Bekanntheitsgrad im Forum als Maßstab zu nehmen ist somit meines Erachtens nach nicht ganz geeignet, da es eben nicht der Kundenperspektive(eines Regent-Kunden...) entspricht.
 

Antonio De Curtis

Gast
Eure Wertung des Marketings von Regent klingt sehr theoretisch, weil keiner die praktischen Überlegungen kennt, die dahinter stehen.

Die Denke des italienischen Eigentümers könnte doch auch wie folgt lauten:
"Wir haben in Weissenburg eine Produktionskapazität, die mit den verwendeten Marketingmethoden voll ausgeschöpft ist und dadurch einen ordentlichen Ertrag abwirft. Höhere Umsätze wären mit Investitionen in den Standort verbunden und diese sind zumindest derzeit aus strategischen Gründen nicht gewollt"!

Ich glaube kaum, dass man italienischen Investoren das kleine Einmaleins beibringen muss - und aufrecht an der Wand schlafen die auch nicht. Und mit größeren Stückzahlen verdient man nicht zwangsläufig auch mehr Geld!

Werter Hovawart,

Natürlich hast Du Recht, wenn Du sagst, dass wir alle die Überlegungen von Regent nicht kennen. Auch nicht die, der italienischen Investoren. Ich möchte nicht behaupten, dass diese ihre Suppe mit der Gabel essen;)

Da ich aber im Marketing und PR Bereich mein Geld verdiene, traue ich mir schon zu eine Wertung des Auftritts abzugeben. Ich würde den Auftritt von Regent als Mutlos und einfarbig bezeichnen. Weder wird die Einzigartigkeit der Produkte (Hangearbeitet in Deutschland!!!!!) hervorgehoben, noch wird Leidenschaft transportiert. Und schan garnicht wird erklärt warum man sich FÜR Regent entscheiden soll. Was ist das besondere? Wir wissen es, aber bitte vergesst nicht, dass nicht jeder, der gut verdient sich auch für Kleidung interessiert, sonst gäbe es nicht soviele Eterna Exzellent Hemden in den Vorstandsetagen:D

Bitte versteh mich nicht falsch, denn ich finde Regent absolut Spitze, nur eben die Aussendarstellung nicht. Der Wert einer Marke bezieht sich nicht auf die Grösse der Produktion oder sowas, sondern auf die Kraft und die Anziehungskraft im Markt (BWL 1. Semester;))

Und wenn wir nur über Dinge diskutieren dürften, von denen wir ALLE Internas kennen, wieviele Threads blieben dann übrig?:D

Herzliche Grüsse

Sandro
 

pierino

Member
Eure Wertung des Marketings von Regent klingt sehr theoretisch, weil keiner die praktischen Überlegungen kennt, die dahinter stehen.

Die Denke des italienischen Eigentümers könnte doch auch wie folgt lauten:
"Wir haben in Weissenburg eine Produktionskapazität, die mit den verwendeten Marketingmethoden voll ausgeschöpft ist und dadurch einen ordentlichen Ertrag abwirft. Höhere Umsätze wären mit Investitionen in den Standort verbunden und diese sind zumindest derzeit aus strategischen Gründen nicht gewollt"!

Ich glaube kaum, dass man italienischen Investoren das kleine Einmaleins beibringen muss - und aufrecht an der Wand schlafen die auch nicht. Und mit größeren Stückzahlen verdient man nicht zwangsläufig auch mehr Geld!

Sehr ich ebenso.
Der (Wieder-)aufbau einer Marke braucht zudem etwas Zeit. Vor allem, wenn dauerhafter Erfolg das Ziel ist. Ich habe in den letzten 1-2 Jahren viele Artikel über Regent in verschiedenen Printmedien gesehen und gelesen. Solche Artikel in der "Zeit", der "FA-SZ" und ähnlichen Medien werden sehr bewusst platziert und immer war der Tenor: Eine deutsche Marke mit Tradition, viel Handwerk, höchster Qualitätsanspruch etc., etc.. Passt für meinen Geschmack alles ganz gut in ein Konzept.

Zudem wurde dafür gesorgt, dass Regent Kleidung bei guten Herrenausstattern und in Premium Kaufhäusern erhältlich ist. Es gibt für potentielle Interessenten kein Problem an Regent "heranzukommen". Flagship- Stores gibt es meines Wissens noch keine. Aber die sind auch sehr teuer und ein solcher Schritt will gut überlegt sein.

Kiton, Attolini, Brioni mögen Regent in vielem um einige Schritte voraus sein. Aber: ROMA non fu costruita in un solo giorno!
 

Antonio De Curtis

Gast
Sehr ich ebenso.
Der (Wieder-)aufbau einer Marke braucht zudem etwas Zeit. Vor allem, wenn dauerhafter Erfolg das Ziel ist. Ich habe in den letzten 1-2 Jahren viele Artikel über Regent in verschiedenen Printmedien gesehen und gelesen. Solche Artikel in der "Zeit", der "FA-SZ" und ähnlichen Medien werden sehr bewusst platziert und immer war der Tenor: Eine deutsche Marke mit Tradition, viel Handwerk, höchster Qualitätsanspruch etc., etc.. Passt für meinen Geschmack alles ganz gut in ein Konzept.

Zudem wurde dafür gesorgt, dass Regent Kleidung bei guten Herrenausstattern und in Premium Kaufhäusern erhältlich ist. Es gibt für potentielle Interessenten kein Problem an Regent "heranzukommen". Flagship- Stores gibt es meines Wissens noch keine. Aber die sind auch sehr teuer und ein solcher Schritt will gut überlegt sein.

Kiton, Attolini, Brioni mögen Regent in vielem um einige Schritte voraus sein. Aber: ROMA non fu costruita in un solo giorno!

Gentile pierino,

Wie immer sind Deine Beiträge voller Wahrheit und Stil, sodaß es schon aus Repekt schwerfällt zu wiedersprechen, oder wie in meinem Fall zu präzisieren. Ich will es trotzdem versuchen. Ich sehe es ähnlich wie Du und auch ich erkenne eine Strategie, die ich allerdings für mutlos und sehr sehr langwierig halte. Eine Marke wird auch über Begehrlichkeiten aufgebaut. Dies schafft man nicht unbedingt über reine "special interest" Publikationen. Ohne moralische Wertung abgeben zu wollen, ist es doch so, dass man eher Geld für Dinge ausgibt, die die Mehrheit kennt (siehe PRL, Louis Vouitton, Hermes usw...) Menschen definieren sich auch über Marken. Das ist ein Fakt und es geht nicht um die Steigerung der Produktion (nicht vordergründig) sondern um die (wieder) Einführung einer tollen deutschen Qualitätsmarke. Das sogenante "Haben wollen" oder "ich will Teil von etwas sein"...

Aber es ist wohl so, dass vielleicht nicht ALLE Wege nach Rom führen, aber doch sehr viele...;)

In diesem Sinne

cordiali Saluti

Sandro
 

pierino

Member
Gentile pierino,

Wie immer sind Deine Beiträge voller Wahrheit und Stil, sodaß es schon aus Repekt schwerfällt zu wiedersprechen, oder wie in meinem Fall zu präzisieren. Ich will es trotzdem versuchen. Ich sehe es ähnlich wie Du und auch ich erkenne eine Strategie, die ich allerdings für mutlos und sehr sehr langwierig halte. Eine Marke wird auch über Begehrlichkeiten aufgebaut. Dies schafft man nicht unbedingt über reine "special interest" Publikationen. Ohne moralische Wertung abgeben zu wollen, ist es doch so, dass man eher Geld für Dinge ausgibt, die die Mehrheit kennt (siehe PRL, Louis Vouitton, Hermes usw...) Menschen definieren sich auch über Marken. Das ist ein Fakt und es geht nicht um die Steigerung der Produktion (nicht vordergründig) sondern um die (wieder) Einführung einer tollen deutschen Qualitätsmarke. Das sogenante "Haben wollen" oder "ich will Teil von etwas sein"...

Aber es ist wohl so, dass vielleicht nicht ALLE Wege nach Rom führen, aber doch sehr viele...;)

In diesem Sinne

cordiali Saluti

Sandro


Gentile Sandro,

vielen Dank für dein Kompliment, dass ich nur zurückgeben kann.
Offensichtlich beschäftigst du dich mit Marketing und damit zusammenhängenden Fragen und deinen Argumenten kann ich mich durchaus anschließen. Natürlich ist die Schaffung von Begehrlichkeiten, eines "will ich haben"-Gefühls, bei potentiellen Kunden eine Königsaufgabe für das Marketing. Es gibt sehr gute Beispiele für Firmen, die das seit Jahren beherrschen und umsetzten. Einige Beispiele hast du ja genannt. Es gibt übrigens auch Beispiele von Firmen, die so etwas erfolglos versucht haben (van Laack, Nokia...).

Eine solche Marketingstrategie kostet Geld und oft immens viel Geld. Das muß ein Unternehmen erst einmal haben und ausgeben wollen. Hinter den von dir zitierten Beispielen stehen sehr große Unternehmen oder sogar Konzerne (LVMH). Ich bezweifle, dass Tombolini, selbst immer noch ein "Mittelständler", dieses viele Geld hat / ausgeben will.

Ich gebe dir und auch anderen hier Recht, dass man (auch mit begrenzten Mitteln) immer etwas besser machen kann.

Nicht vergessen sollten wir allerdings, dass es auch Kunden gibt, und ich zähle mich dazu;), die an einem gut gemachten Sakko von Regent mehr Gefallen finden, als an einem sündhaft teuren Jäckchen von Hermes, dass bei xy in Italien gefertigt wurde und dessen "will haben"-Faktor von mir bezahlt werden will.

By the way: Ich besitze nur ein einziges Stück von Regent, mag andere Sachen lieber, finde aber die Sachen von Regent "gut gemacht".

Con simpatia,

P.
 

Zürifan

Member
Lieber Sandro,
lieber pierino,

es macht Spass, Eurem Schlagabtausch hier zu folgen: im Grunde der Sache auf einer Linie und dennoch im Detail unterschiedlicher Ansicht und das Ganze dann mit Respekt UND Sachverstand formuliert. Kompliment!

Einen wesentlichen Punkt sehe ich bei pierino: bei Regent zahlt man den Namen vielleicht noch nicht in dem Maße mit, wie es bei einigen anderen Labels der Fall ist. Hier im Forum wird als negatives Beispiel ja gerne BOSS genannt, die - je nach Linie - schlechtere Qualität abliefern sollen als vergleichbare Wettbewerber. Da kommen die groß angelegten Printkampagnen in Special Interest Magazinen, an Flughäfen etc. zum tragen, die der Kunden über den Preis natürlich mitbezahlt.

Und hier sind wir wieder bei dem Punkt von Sandro: BOSS hat es halt geschafft, über sicher geschicktes Marketing eine Begehrlichkeit für die Marke zu schaffen. Deswegen sind Kunden bereit, die Preise zu bezahlen, obwohl Sie u.U. für Ihr Geld an anderer Stelle bessere Qualität bekommen könnten.

Und am Ende soll jeder das kaufen, was er/sie persönlich für das Beste hält ;)
 
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