Mannesduft Teil 3: Polyesterparfüm?

Neben Kleidermotten dürften unter Sartorialisten wohl Polyester die mit Abstand unbeliebtesten „Tierchen“ sein. Synthetik gilt den meisten als billiger Ersatz für Naturfasern, mit schlechteren Trageeigenschaften und Optik, welche durch mögliche Vorteile wie Langlebigkeit und Pflegeleichtigkeit niemals aufgewogen werden können. Es liegt nahe, dieses Prinzip auf Parfüms zu übertragen. Möchte der Gentleman sich und seine Edelgarderobe allmorgendlich  mit Dihydromyrcenol, Alpha-Methyl-Iononen oder Hydroxycitronellal aus dem Labor bestäuben? Wäre eine klassische Essenz aus ostindischem Sandelholz und Zeder mit einem Hauch Damaszenerrose nicht passender und (stil)echter? Eine heutzutage weit verbreitete naive Version ökologischen Denkens neigt zur Überidealisierung alles Natürlichen und die Parfümindustrie hat sich in dieser Frage hinter einem Sprühnebel aus Mythen und PR-Gesäusel verschanzt, aber tatsächlich ist die Sache in der Welt der Düfte nicht so ganz einfach.

Parfüm, wie wir es heute kennen – idealerweise eine strukturierte Komposition miteinander intelligent vermählter Materialien von mindestens mehrstündiger Haltbarkeit und einem allgemein erschwinglichen Preis – ist ein Produkt der industriellen Revolution. Fortschritte in Technologie und Chemie führten einerseits zur Entwicklung besserer Extraktionsmethoden und damit zu reineren und intensiveren Naturölen, als man sie vorher jemals gekannt hatte, aber auch zur Möglichkeit der Isolierung und Synthetisierung von Molekülen wie etwa dem Kumarin, dem Vanillin, den Iononen und Aldehyden.

Wo liegt nun der Unterschied zwischen Natur und Synthese und ist eines besser als das andere? Natürlich ist jede Essenz zunächst einmal eine chemische Substanz und ein natürliches ist von einem synthetisierten Molekül nicht zu unterscheiden. Natürliche Öle bestehen allerdings aus hunderten von Primär- und Sekundärmolekülen, die zusammen ihre von jedem Menschen intuitiv wahrnehmbare Komplexität und Einzigartigkeit ausmachen – jedes riecht anders, je nach Typus (Rosa damascena, Rosa centifolia), Herkunft (Haiti- oder Java-Vetiver), Jahrgang. Synthetische Duftstoffe sind dagegen fast immer Einzelmoleküle und es ist nicht schwer, den Unterschied zwischen einer komplexen natürlichen Vanilleessenz (Omas Vanillepudding) und dem isolierten Primärmolekül Vanillin (Dr. Oetker) zu erschnuppern. Letzteres wäre niemals ein gleichwertiger Ersatz – aber es eignet sich wie seine synthetischen Geschwister perfekt als klar definiertes, verlässliches  Bauelement im komplexen Konstruktionsplan des Parfümeurs. Synthetische Stoffe bilden das Skelett eines klassischen Parfüms, die Naturöle das Fleisch, so der Parfümexperte René Laruelle. Denn mit diesen neuen Stoffen gelang es nicht nur, bisher unmögliche Duftnoten zu kreieren (z.B. nicht extrahierbares Maiglöckchen oder völlig neue Gerüche) sondern auch im Zusammenspiel mit ätherischen Ölen ganz neue Effekte zu schaffen, wie etwa größere Strahlkraft, Langlebigkeit, aber auch die Nuancierung und Strukturierung von Duftnoten. Rosenöle z.B. riechen nicht nach Rosenblüten, sondern oft wächsern und leicht metallisch. Mit Hilfe synthetischer Moleküle und anderer Naturessenzen kann der Parfümeur das Öl zu einem Akkord „Rose im Morgentau“ „grüne Rose und Erde“ oder „welkende Rosenblüten“ stilisieren, oder auch Phantasienoten (Rose auf dem Mars) erschaffen.  Jacques Guerlain definierte dabei ein Verhältnis von 80% Natur zu 20% Synthetik als ideal.

Synthetik an sich ist also zunächst weder schlecht noch minderwertig oder gar billig, sie ist nicht einmal eindeutig. So ist die Extraktion ätherischer Öle aus Pflanzen, z.B. mit Lösungsmitteln, chemisch extrem brutal und die klassische Dampfdestillation zerstört große Teile der Naturessenz, während bestimmte Isolate aus Pflanzen gewonnen werden und daher als halbsynthetisch bezeichnet werden können. Heute gibt es sowohl sanftere, hochtechnisierte  Methoden der Ölextraktion (etwa mit CO2), aber auch die Headspacetechnologie mit der das Duftprofil einer Blume quasi holographisch erfasst und dann mit synthetischen Materialien effektiv nachgebaut werden kann. Es gibt horrend teure nur mit größerem Aufwand synthetisierbare Moleküle (z.B. Muscenone) und ebenso minderwertige Naturprodukte (schon Hippies wussten: Patchouli ist nicht gleich Patchouli). Problematisch wird die Synthetik allerdings, wo sie aus rein ökonomischen Gründen in billiger Form als ästhetisch unzureichender Ersatz für höherwertige Stoffe zum Einsatz kommt – wie gesagt können synthetische Stoffe nie die Komplexität eines Naturöls erreichen. Heutzutage sind die meisten Parfüms entgegen Guerlains Faustregel zu 90% künstlich oder gleich vollsynthetisch. Selbst dann kann noch ein beeindruckender, kreativer Duft entstehen, wie etwa Terre d’Hérmes zeigt. Meistens aber werden die billigsten Substanzen in gleichförmigen Rezepturen von den Parfümeuren der marktbeherrschenden Großkonzerne (Givaudan, Firmenich, International Flavors & Fragrances, Symrise, Takasago) zu massenkompatibler Duftsuppe zusammengerührt, welche dann unter einem Designerlabel mit großem Werbeaufwand als neuester Ausdruck von Männlich- Weiblich- oder sonstiger –keit angepriesen wird. Und auch in den edlen Flakons zu vieler der hyperteuren, so genannten Nischenparfüms lauern die von denselben Firmen gelieferten 08/15 Rezepturen zu zehn Euro das Kilo. So ist es seit Jahren unmöglich, dem Allheilmittel Iso-E-Super zu entkommen, welches jedem Duft schöne, samtig-holzige Konturen verleiht oder gleich selbst (zum x-fachen Rohstoffpreis) als Parfüm verkauft wird  – an sich ein interessanter Stoff, aber nicht mehr nach dem zwanzigsten „Holz“-, „Weihrauch“-,  „Papyrus“-, oder „Oudduft“ aus dem ewig gleichen Basisakkord.

Auch wenn gerade die neue Generation Naturparfümeure heute viele kreative Impulse gibt und faszinierende, komplexe Düfte kreiert, die nichts mit dem ätherischen Ölmischmasch früherer Zeiten zu tun haben, bleibt als Fazit, das Synthetik im Gegensatz zur gehobenen Garderobe, in der „Haute Parfumerie“ ihren festen Platz hat. Wenn man sie nur einfach an diesem ließe, die Duftwolken in den Großparfümerien wären leichteren Herzens zu durchschreiten…

Ein paar Synthetik-Klassiker:

Alpha-Methyl-Ionon: grünlich-floraler Veilchenduft, eine beliebte Note für klassische Herrenparfüms, z.B. Grey Flannel, Green Irish Tweed, Kiton Black u.v.m.

Calone: die Basis der meisten aquatisch-ozonischen Düfte, welche die 90er Jahre dominierten und bis heute stilbildend wirken (Cool Water, Issey Miyake etc. pp.)

Dihydromyrcenol: zitrus-limettenartig diffus – auch in Weichspüler & Seife nicht wegdenkbar.

Hydroxicitronellal: süß-blumig, Maiglöckchen, Flieder, zudem stark fixierend und daher extrem beliebt.

Isoeugenol: Nelkennote, die vielen Herrendüften ihren klassischen würzig-seifigen Aspekt verleiht.

Linalool: als angenehmer floraler Duft mit Gewürz- und Zitrusakzenten ein echter Allrounder.

Und hier die Iso-E-Super Top Ten (Stand 2008):

ParfümMarkeIso-E-Super Anteil am Parfümöl in %
Molecule 01Escentric Molecules100
PerlesLalique80
Poivre SamarkandeHermès71
Escentric 01Escentric Molecules65
Terre d’HermèsHermès55
Incense KyotoComme des Garcons55
Incense JaisalmerComme des Garcons51
Fierce for MenAmbercrombie & Fitch48
Kenzo AirKenzo48
Encre NoirLalique45

Quelle: Geza Schön, “ ‚Escentric Molecules,'“ Chemistry & Biodiversity, 5.6 (July 2008), 1154 – 1158




In Category: Düfte, Mannesduft

Dr. Tom Clark

Dr. Tom Clark ist der Duftexperte auf Stilmagazin.com. Seine weitreichenden Kenntnisse und großes Hintergrundwissen werden Sie faszinieren. Seine Kolumne „Mannesduft“ hält einige Überraschungen für Sie bereit.

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  • duftarchiv 2. Oktober 2010, 19:37

    brilliant auf den Punkt gebracht und lange überfällig.

  • Dr. Tom Clark 2. Oktober 2010, 22:00

    Ein Lob aus so berufenem Munde (bzw. Nase ;-) ) erfreut das Herz natürlich besonders.

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