Herrenmode und Regeln — (k)ein Widerspruch?

„Regeln? Die gibt es nicht. Und falls doch, dann sind es verstaubte Überbleibsel aus längst vergangener Zeit, die heute niemanden mehr interessieren — zum Glück! Ich ziehe an, was mir gefällt.“ Sind Sie auch dieser Meinung? Ich nicht, um das gleich vorwegzunehmen. Nicht umsonst herrscht in einer Zeit die scheinbar alle Regeln aufgeben will, mehr Verunsicherung denn je, was der Herr denn tragen soll.

Zunächst sollte man sich vergegenwärtigen, dass die Entscheidung darüber, was wir tragen in einem erheblich geringeren Maße frei ist, als wir uns das gemeinhin ausmalen. Schließlich stehen uns schon durch das kulturelle Gepräge, das die Gesellschaft, in der wir leben, trägt, nur einige wenige Optionen zur Verfügung. Anzug, Hemd und Oxfords zur Arbeit, Chinos und Rugbyshirt am Wochenende. Wer käme schon auf die Idee, im Kaftan im Büro zu erscheinen? Allein die Tatsache, dass wir tragen, was wir tragen ist, bevor wir uns überhaupt im engeren Sinne mit Regeln auseinandersetzen, eine Bündel von Regeln.

Um zu verstehen, wie es zu dem kam, was uns heute als Dresscode bekannt ist (Was trage ich wann und wozu?), darf man nicht aus den Augen verlieren, dass diese Regeln nur eine Aufgabe hatten und haben: Die Kleiderwahl einfacher zu gestalten. Wäre es nicht schrecklich, vor jeder Veranstaltung überlegen zu müssen, was am besten zu Ort, Thema, Gästen und Gastgebern passt? Wäre es nicht auf Dauer viel zu anstrengend, bei jeder Einladung darüber nachdenken zu müssen, was wohl die anderen tragen werden, um selbst nicht allzu sehr aus dem Rahmen zu fallen? Vermerkt der Gastgeber dagegen am Ende der Einladung Black Tie, Smoking oder Kleiner Abendanzug, ist für jeden klar, in welcher Ecke des Kleiderschranks gesucht werden muss.

Nicht aus dem Rahmen zu fallen soll hier allerdings nicht als unreflektierte Anpassung fehlverstanden werden. Vielmehr bin ich der Überzeugung, dass gerade diese „einengende Gleichmacherei“ es ist, die für einen wesentlich höheren Grad an Freiheit sorgt: Wenn nämlich schon im Voraus mehr oder weniger klar ist, welche Kleidung zu welchem Anlass getragen wird und sich jeder sicher sein kann, dass diese Vereinbarungen auch eingehalten werden, kann man sich als Teilnemer an einer Veranstaltung auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren: Interessante Gespräche, Freunde, neue Bekanntschaften. Das was viele als Einschränkung der Persönlichkeit wahrnehmen, schafft somit gewissermaßen gleiche Bedingungen für alle.

Natürlich hat sich nicht eines Tages jemand, der gerade viel zu wenig zu tun hatte, Regeln zur Herrenmode einfallen lassen. Vielmehr sind es Richtlinien, die sich im Laufe der Zeit aus schlichtem Pragmatismus und per Mehrheitsbeschluss etablieren konnten. Das Problem, das daraus in unserer Zeit, die viele der ursprünglichen Situationen, für die solche Regeln bestehen, nicht mehr kennt, ist dasselbe, mit dem auch jedes andere Regelwerk zu kämpfen hat: Wenn Regeln nicht mehr verstanden werden, neigt man zum übergeneralisieren und dogmatisieren. Diese oft zweifelhaften Interpretations- und Befolgungsversuche führen dann nicht selten genau zum eingangs beschriebenen Phänomen: „Regeln? Nicht für mich!“

Schöner wäre es, sich mit den Regeln der Herrenmode, die es zweifellos auch heute noch gibt, konstruktiv auseinanderzusetzen, wie es beispielsweise schon Edward Duke of Windsor tat. Denn keine von ihnen ist in Stein gemeißelt. Der Wandel der Gesellschaft spiegelt sich so auch im Wandel der, wie Baron von Eelking sie nannte, „Garderobengesetze“. Diese Gesetze dabei nicht als starres Korsett, sondern als Hintergrund, vor dem es den individuellen Stil zu entwickeln gilt, zu verstehen, ist sicherlich eine der Grundvoraussetzungen für ein überzeugendes Auftreten.

Kategorie: Dresscode, Herrengarderobe

Florian S. Küblbeck

Florian S. Küblbeck ist freier Journalist und schreibt vor allem über Mode, Stil und Genuss. Mit seinem Erstwerk "Was Mann trägt: Gut angezogen in zwölf Schritten" gab er 2013 sein Debüt als Buchautor.

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