Siegelring --- noch tragbar?

#1
Ich beschäftige mich schon länger mit der Heraldik und habe meiner Familie auch ein Wappen gestiftet.

Seit langer Zeit spiele ich auch mit dem Gedanken mir einen Siegelring anfertigen zu lassen.

Nur was ist davon heute noch zu halten? Noch tragbar oder schon zu antiquarische Züge für einen 34jährigen?

Falls ja, welches Material kommt in Frage?

Selbst würde ich Gelbgold wählen und den Ring nicht im Standardlook mit Einfassung eines gravierten Steines wählen.

Eher eine künstlerisch handwerkliche Arbeit vom Goldschmied in solider Ausführung mit Verzierungen.

Was sagt ihr dazu? Haben Siegelringe noch Stil?
 
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#2
Ich sage dir nicht, was du tragen sollst. Bei einem Siegelring habe ich bestimmte Bilder im Kopf, die ich damit verbinde. Sei dir bewusst, dass einige Menschen diese Assoziationen haben und entscheide selbst, ob du das okay fändest.
 

ingirum

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#3
Stil hat für mich persönlich etwas mit Authentizität zu tun. In meinen Augen sollte man sich bemühen, sich zu geben, wie man ist. Es gibt Menschen mit langer Familientradition und weitaus mehr Menschen ohne. Für erstere finde ich ein Wappen oder einen Siegelring durchaus okay. Für letztere ist es eher eine Art Schauspiel, das ich persönlich nicht stilvoll finde.
Es gibt zu Ihrem Wappen keine Geschichte und keine Familientradition. Natürlich ist es jedem unbenommen, sich ein Wappen auszudenken und für sich zu verwenden oder auch irgend einen heraldischen Verein zu beauftragen, ein Wappen irgendwo zu veröffentlichen. Jedenfalls bei mir erzeugt das aber ein Gefühl mangelnder Authentizität und auch ein Gefühl, der andere habe ein Bedürfnis, etwas darzustellen, was nicht ist - mithin das Gefühl, mit dem, was Wirklichkeit ist, sei der andere nicht zufrieden. Ich würde mir diese Offenbarung des eigenen seelischen Ungleichgewichts nicht täglich an den Finger stecken.

Sie mögen, was das oben gesagte anbelangt, eine Ausnahme darstellen und andere Überzeugungen oder Motive haben. Mir würde sich dennoch diese Assoziation aufdrängen.
 

bertone

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#4
Das (Fremd-)Bild zeigt doch einen dieser Jahrgangsringe studentischer Verbindungen bzw. der Graduierten jeweiliger US-Universitäten ?
Ich würde davon abraten, diese doch wesentlich umfangreichere Verzierung als Inspiration zu nehmen bzw. auf einen Familienwappen-Siegelring zu übertragen, dessen "Standardlook" bekanntlich eine lange Tradition hat:
überwiegend ein schlichter (Gold-)Ring in Kissen- oder Ovalform mit dem gravierten Wappen im Lagenstein.

Aber der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, wenn, wie auch bei dem neugestifteten Familienwappen, eher die individuelle Ideenfindung und -Umsetzung im Vordergrund steht ?
Wenn Du dann dereinst mal von einem Träger eines "antiquarischen" Ringes, dessen Familienwappen seit Jahrhunderten besteht und in den genealogischen Namensbüchern entsprechend lange dokumentiert ist, auf Deinen Wunschring angesprochen wirst, solltest Du für dieses Gespräch hinsichtlich Deiner stilistischen Motivation "gewappnet" sein...;)
 

proteus

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#5
Man sollte sein Leben leben und nicht als Schauspiel inszenieren.

Entweder "man" hat ein Familienwappen - das ist kein Verdienst, sondern Erbe - oder eben keins.
Natürlich kann man sich eines erstellen, das ist sicher auch ein netter Gag, aber welche Bedeutung hat es dann? Kommende Generationen werden sich vielleicht daran erfreuen, aber es ist letztlich eine Art konstruierter Historie. Wer es nötig hat, soll es gerne tun, es tragen auch genügend Leute eine goldene Rolex mit Brillanten.

Ich trage den Ring in 11. Generation, das ist mir nicht peinlich. Manchmal werde ich darauf angesprochen, den meisten wird es gar nicht auffallen. Von daher, wenn du Spaß daran hast, lass dir einen anfertigen. Aber sollte man sein Selbstverständnis aus einem Schmuckstück ziehen?

Und du solltest zusehen, einen Sohn zu produzieren, Töchter erhalten den Ring nicht. Wenn das Wappen "im Mannestande erloschen ist" war es das schon wieder.

Unser Stammspruch lautet: Virtas odore parature - Verdienst wird durch Schweiss erworben, da ist viel Wahres dran.
 
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eyecon

Well-Known Member
#6
Ich sehe das genau wie Proteus.
Einen Siegelring der seit langer Zeit im Familienbesitz ist - ja!
Einen Siegelring mitsamt Familienwappen neu gestalten lassen - eher nein!

Ansonsten hat es ein bisschen was von Konsul Weyer. :D

Der Erwerb eines Titels oder die Einführung eines Familienwappens erhebt einen ja nicht automatisch in einen anderen Stand.

Von daher würde ich eher einen schönen Schmuckring vorziehen, wenn der Siegelring nicht schon Generationen in der Familie ist.
 

Lionel_Hutz

Well-Known Member
#7
Dem meisten hier kann ich mich anschließen, auch wenn mein ererbter Siegelring den Schrank seit Jahren nicht mehr verlassen hat.

Wenn Du wirklich Interesse an Heraldik hast, kann man einen Ring mE auch mit einem neuen Wappen machen.

Aber: Ein Siegelring ist zum siegeln da, er sollte also auch dazu zu gebrauchen sein. Das heißt eine Gravur im flachen Stein, der einfach gefasst ist. Und nichts anderes!

Das Teil auf dem inzwischen entfernten Foto war eine monströse Scheußlichkeit, die durch das Aufstecken auf die Zigarre nicht besser wurde (da schaue ich mir lieber Uhr- und Hermésbeladene Bier- und Supermarktschampusbilder von knitterbub an). So ein Teil ist kein Siegelring, so ein Teil ist die Vorstellung eines Emporkömmlings, wie so ein Ring besonders schick (aka geschmacklos protzig) gemacht werden kann.
 

Baconian

Active Member
#8
Ich teile die schon aufgeführten Bedenken, finde es aber recht bemerkenswert, dass wir ältere Siegelringe als weniger eigenartig empfinden, als neu geschaffene.
 
#9
Nun, die erste Generation die damit heute anfängt muss wohl mit Spott, Verwunderung und Ähnlichen rechnen. Die 2te Generation wirds da deutlich leichter haben, sofern Generation 1 auch was geschafft hat. Mal abgesehen von einem Wappen und Ring.

Die Gründung einer Tradition wirkt heute nun mal eher deplaziert. Das hat wahrscheinlich etwas mit der Interpretation von Zeit und einer gewissen Nostalgieakzeptanz bzw. -ablehnung zu tun.

Etwas fortführen wirkt interessanterweise modern, im Sinne von nachhaltig. Etwas ohne rationalen Grund zu erschaffen gilt im Moment im Allgemeinen als Verschwendung. Tradition muss also heutzutage alt sein. Jung widerspricht der Vorstellung.
 
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Lionel_Hutz

Well-Known Member
#10
Das würde ich nicht so sagen. Beim Siegelring sind es halt zwei Aspekte:

1. Kein Mensch siegelt heute noch was, das heißt der Zweck dieser Ringe hat sich erledigt.

2. Der Adel ist abgeschafft, vorher schon verloren gegangen war die Funktion der Wappen, deswegen haben sogar die Wappen des sog. "Bahnhofsadels" den Ruch nicht wirklich authentisch zu sein.

Ist der Ring alt, kann man sagen, dass das halt ein Erbstück ist, ist nur das Wappen alt, ist zumindest das authentisch.

Wenn ich mir jetzt ein Wappen bastele und dann einen Ring damit machen lasse, sagt das halt eine ganze Menge.
 
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