handgefertigter Maßanzug

pierino

Member
Also alles in Allem, verstehe ich die Argumentation von Benjamin zwar auch nicht und mag mich ihr nicht anschließen. Aber generelle Mundkörbe würde ich nicht verteilen wollen.

Es ist ja jedem klar, womit Benjamin sein geld verdient und ein jeder mag seine Aussagen nach seinem Belieben bewerten (oder auch nicht).


Allerdings weiß ich auch, dass ca. 90% der Verbraucher einen solchen Anzug nicht zu schätzen wüssten, weil er "mangelhaft", nämlich nicht industriell ist.

Viele Grüße

Benjamin

Das trifft sicher auf viele Menschen zu auch wenn es nichts mit dem "industriellen" zu tun hat, denke ich.
Ob es 90% sind, ist ja unwesentlich. Ähnlich wie Benjamin vielleicht auch, meinen viele Menschen, dass ein steifer Kragen (mit viel Fixierung) besser ausschaut. Sie meinen vielleicht ein Anzug müsse so sein. Ein wenig so, wie eine Rüstung.

Auch ein unbedarfter / uninteressierter Mensch wird aber bei einem Vergleich mit einem gut gemachten und passend gewähltem Anzug mit "sartorialen" Anteilen das Bessere sehen. Vielleicht vermag er es dann nicht zu beschreiben, aber er wird es sehen.
Es ist ein Unterschied ob ein Anzug schön "fliesst", die Bewegungen des Trägers mitmacht oder einfach nur steif auf dem Träger liegt.

Ich persönlich finde diese komplett geklebten Jacken einfach nur gruselig. Vom Tragegefühl für einen selbst (das gibt es ja auch noch :) ) ganz zu schweigen.
 

XUITS

Member
Das trifft sicher auf viele Menschen zu auch wenn es nichts mit dem "industriellen" zu tun hat, denke ich.
Ob es 90% sind, ist ja unwesentlich. Ähnlich wie Benjamin vielleicht auch, meinen viele Menschen, dass ein steifer Kragen (mit viel Fixierung) besser ausschaut. Sie meinen vielleicht ein Anzug müsse so sein. Ein wenig so, wie eine Rüstung.

Hmmm... ich glaub ich hab mich missverständlich ausgedrückt...

Also... ICH finde einen leichten, unfixierten, fließenden, sartorialen Anzug gut. Wenn jemand von euch eine Schneiderei kennt, die sowas für uns zuverlässig und in entsprechender Stückzahl machen kann, bitte her damit.

Ich zweifelte aufgrund der unbedarften Fragestellung allerdings, ob der Threadstarter weiß, was er da bekommt. Ein sartorialer Anzug ist eben nicht einfach nur ein besser Anzug als von der Stange, sondern ein anderer, und nicht jeder mag das. Deswegen habe ich mich bemüht, die Unterschiede zu erläutern. Ich habe mich auch bemüht, neutral zu bleiben, das scheint aber nicht so angekommen zu sein.

Schönen Abend

Benjamin
 

Florian S. Kueblbeck

Active Member
Ein sartorialer Anzug ist eben (...) ein anderer, und nicht jeder mag das.

Es kann einem wohl niemand einen Strick daraus drehen, wenn die Formulierung etwas pointierter gewählt wird, um, wie ich finde, die Wahrheit etwas deutlicher herauszuarbeiten: Konfektionsanzüge (inkl. fixierter Maßkonfektion) sind, streng genommen nicht anders, sondern nicht ein Anzug im eigentlichen Sinn. Konfektion ist ein Versuch, Leuten, die nicht genügend Geld für einen wirklichen Anzug ausgeben wollen, ein günstigeres Produkt mit deutlichen qualitativen Einbußen anbieten zu können. Damit sich dieses Angebot lohnt, sprich genügende Stückzahlen abgesetzt werden, muß entsprechender Bedarf geschaffen werden --durch Werbung, berühmte Personen, die soetwas tragen usf. Der Geschmack des Kunden wird also absichtlich irritiert, um ihm verhältnismäßig billige Produkte für verhältnismäßig hohe Preise --zumal im Vergleich mit einem Stück vom Schneider-- andrehen zu können. Da mag es doch eigentlich niemanden wundern, daß Lieschen M. und Otto N. solche Fertiggerichte der Kleiderbranche besser gefallen, erfordern sie doch keinerlei Reflexion vor, während oder nach dem Kauf und vermittlen sie doch das Gefühl, "wirklich viel Geld für absolut trendige Ware" ausgegeben zu haben.

Das Argument, der Kunde wolle solche anziehbaren Klebrigkeiten, beißt sich doch selbst in den Schwanz. Der Kunde will meist das, was ihm die Werbung vorlebt und einflößt. Wenn Brad Pitt demnächst Latexbikinis trägt, was dann?
 

Antonio De Curtis

Gast
Na ja, Herr Pfab hat aus seiner Erfahrung als Maßkonfektionär gesprochen, die ich aus meiner beruflichen Erfahrung durchaus unterstreichen kann.

Diese bezieht sich sicher vor allem auf den Frankfurter Kleidungsmarkt und nicht auf die in diesem Forum versammelten Stilfreunde, für die Kleidung eine Passion ist.

Gerade die Frankfurter Kunden wollen Businessanzüge für überschaubares Geld kaufen. Handwerkliche Spezialitäten wie unfixierte Verarbeitung, neapolitanische Schulter usw. sind meistens unbekannt oder nicht erwünscht oder -wenn gewünscht- wollen die Kunden diese nicht extra bezahlen.

Ich biete meinen Kunden bsp. die unfixierte Verarbeitung an und viele/so gut wie alle lehnen diese Verabeitung ab. Es gibt hierfür keine signifikante Nachfrage!

Natürlcih empfindet ein versierter Freund sartorialer Kunst die Maßkonfektion als wenig wertig. Kann ich verstehen und akzeptieren. Es ist eben ein industrielles Produkt.
Die Masse der Kunden tickt jedoch anders - und das ist völlig ok so.

Das der Geschmack des Kunden absichtlich irritiert wird halte ich für eine fragwürdige Aussage. Das impliziert ja, jeder MTM-Kunde wünsche sich sartoriale Arbeit und wird mit inhaltslosen PR-Parolen davon abgebracht.

Sorry, defintiv falsch! Das sage ich Ihnen nicht arrogant von oben herab, sondern aus fast 7 Jahren Berufserfahrung.

Die meisten MTM-KUnden suchen robuste, wenig auffällige Anzüge im Preissegement 700 bis 1000 Euro ohne Schnick-schnack. Und da kommen handwerkliche Unikate eben nicht vor.
Alle Anbieter, die aus diesem Segment ausbrechen wollten haben das bitter bezahlt.

Das ist übrigens ein Zustand, den ich als Freund nachhaltiger Produkte sehr bedauere.

Vielen Dank Herr Görner! Eine,wie ich finde, sehr logische und verständliche Erklärung.

Liebe Grüsse

Sandro
 

pierino

Member
Konfektion ist ein Versuch, Leuten, die nicht genügend Geld für einen wirklichen Anzug ausgeben wollen, ein günstigeres Produkt mit deutlichen qualitativen Einbußen anbieten zu können. Damit sich dieses Angebot lohnt, sprich genügende Stückzahlen abgesetzt werden, muß entsprechender Bedarf geschaffen werden --durch Werbung, berühmte Personen, die soetwas tragen usf. Der Geschmack des Kunden wird also absichtlich irritiert, um ihm verhältnismäßig billige Produkte für verhältnismäßig hohe Preise --zumal im Vergleich mit einem Stück vom Schneider-- andrehen zu können. Da mag es doch eigentlich niemanden wundern, daß Lieschen M. und Otto N. solche Fertiggerichte der Kleiderbranche besser gefallen, erfordern sie doch keinerlei Reflexion vor, während oder nach dem Kauf und vermittlen sie doch das Gefühl, "wirklich viel Geld für absolut trendige Ware" ausgegeben zu haben.

Das Argument, der Kunde wolle solche anziehbaren Klebrigkeiten, beißt sich doch selbst in den Schwanz. Der Kunde will meist das, was ihm die Werbung vorlebt und einflößt. Wenn Brad Pitt demnächst Latexbikinis trägt, was dann?

Das ist in der Tat sehr pointiert! Respekt! Und amüsant zu lesen.
Allerdings gibt es außer den Leuten, die sich das "einzig wahre" nicht leisten wollen, auch diejenigen, die es nicht können. Welch dankbare Situation, dass du, lieber Florian, es dir leisten "willst" und offensichtlich auch "kannst".

Industrie sind also die bösen Jungs, die mit fiesen Methoden (Werbung, Marketing) Dinge verkaufen, die wir eigentlich nicht wollen. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob du uns hier nicht einfach ein bisschen auf den Arm nehmen willst ;)
 

Florian S. Kueblbeck

Active Member
Vielen Dank Herr Görner! Eine,wie ich finde, sehr logische und verständliche Erklärung.

Liebe Grüsse

Sandro
Verständlich schon, jedoch nicht auf meine Aussage bezogen. Ich habe nicht abgestritten, daß die meisten Kunden Dinge, wie wir sie hier diskutieren, nicht wollen. Nur, warum? Weil George Clooney auch MTM von Armani trägt. Besser als gute Passform und Qualität fürs Leben ist eben ein Fünkchen Ruhm.

Industrie sind also die bösen Jungs, die mit fiesen Methoden (Werbung, Marketing) Dinge verkaufen, die wir eigentlich nicht wollen.
Ist es denn nicht so? Wer will ernsthaft Fertigprodukte mit zig unnützen Stabilisatoren, Emulgatoren, Geschmacksverstärkern und Farbstoffen in sich hineinschaufeln? Trotzdem sehe ich an der Lebensmittelmarktkasse in den Körben der Kunden vor mir meist mehr solches Zeug als Gemüse, Obst oder auch einmal einen Rehrücken. Warum? Wir sagen: Weil es nichts anderes mehr gebe und weil in der Werbung gesagt werde, es schmeckte besser und sei schneller zuzubereiten. Die Industrie sagt: Weil der Kunde solche Produkte haben wolle.
Nicht anders verhält es sich mit der Maßkonfektion. Nicht Kunde will, Dienstleister liefert, sondern andersherum: Dienstleister will (Geld verdienen) und schafft einen Absatzmarkt, Kunde ist reichlich dumm und kauft.

Daß ich mir den "Luxus" guter Kleidung leisten kann ist keine Frage der grundsätzlichen finanziellen Dispostition, vielmehr bin ich der Meinung, daß jeder, der will auch kann. Rauch' und sauf' ich eben nicht bis zum Exzess und denke beim Einkauf im Supermarkt (Beispiel läßt grüßen) etwas mit, fertig ist die Lauge. Die Frage des Leistenkönnens spielt höchstens beim "Wie schnell?" eine Rolle und gerade da ist weniger oft wesentlich nachhaltiger.

Pierino, natürlich treibe ich solche Wortklaubereien immer etwas arg auf die Spitze. Allerdings in der festen Überzeugung, daß gerade Einsteiger in die Materie aus Extrembeispielen effizienter lernen können.
 
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