Angemessene Kleidung für Alter, Job, Anlass

#1
Guten Abend,

Ich bin seid einigen Wochen stiller Leser im Forum. Das Forum selbst ist für mich schon seid einiger Zeit ein nachschlage Werk für z.B. Marken-Empfehlungen. Ich habe mich nun angemeldet weil ich einige Fragen habe die ich gerne noch einmal persönlich stellen würde. Beginnen würde ich in diesem Thread allerdings nicht mit einer Frage, sondern mehr mit einem Bedürfnis nach Einordnung meiner Kleidungsvorlieben. Ok, das klingt jetzt sehr hochtrabend.

Ich bin Mitte 20 und ich liebe Anzüge. Als ich klein war waren die Oceans-Filme meine Lieblingsfilme und die Jungs haben da sehr oft Anzug getragen und das hat mich wohl geprägt. Da ich jedoch noch studiere, traue ich mich nicht wirklich welche zu tragen. Ich habe mir letzten Monat einen Anzug bei SuSu geholt, der mir sehr gut gefällt und bin auch in die Schulmathematik eingestiegen. Also habe unzählige Videos gesehen, im Forum gelesen usw. und mir natürlich auch Schuhe gekauft.

Den Anzug habe ich nun 3x auf der Arbeit getragen (Werksstudentenstelle). In der Uni war ich einmal mit Sakko und Chino. Aber ich werde dabei nie das unangenehme Gefühl los, dass mich alle anstarren und für völlig irre halten. In der Uni tragen die allermeisten Jeans und ein Sweatshirt. Sehr oft auch Jogginghose. Auf de Arbeit (Ingenieursumgebung) tragen die meisten Hemd und Wollhose aber ohne Sakko (manchmal mit Cardigan).

Würde mich sehr über eure Einschätzung freuen. Ich habe sehr viel Spaß mit meinem neuen Hobby also schuhen Einstecktüchern Anzügen usw. aber es ist mit mir auch oft unangenehm.

Ach so, zur Ergänzung: Ich habe die letzten 4- 5 Jahre eigentlich immer Hemd mit V-Pullover, Chino und Sneakern getragen. (Da komme ich also her) Den Was trage ich heute Fanden habe ich auch intensiver durchgestöbert und mich gefragt was ihr so für Jobs habt..
 

Scarlatti

Well-Known Member
#2
Das Thema kommt immer mal wieder hoch (-> Suchfunktion) und es gibt keine allgemein akzeptierte Antwort. Meiner Meinung/Erfahrung nach gibt es eigentlich nur die Möglichkeit, so richtig auf die K***e zu hauen und seine Extravaganz rauszulassen. Man wird dann eben als komischer Kauz wahrgenommen, nicht aber als jemand, der irgendwie besser sein will als andere - das ist ja letztlich ein wesentlicher Grund, warum man sich nicht wohl fühlt. Ich würde auch keine klassischen Businessoutfits tragen. Und auch der Versuch, sich irgendwie schicker anzuziehen aber sich dann doch anzupassen (z.B. Sakko und Jeans), bringt es einfach nicht.
 

Aficionado

Well-Known Member
#4
Ich glaube, dass hier die wenigsten von uns Anzüge tragen müssen, ich glaube wir machen das rein aus Spaß.
Ist bei mir auch so, ich muss das eigentlich auch nicht...
Anzug in der Uni muss halt nicht sein, es sei denn man hält gerade die Präsentation seines Lebens o.ä.
Chino und Blazer gehen aber vollkommen in Ordnung, Wirkung sollte aber klar sein, die man auf andere hat.
Selbstbewusstsein ist da auch ein Stichwort, dann kann man alles tragen (z.B. steht für mich bald ein Tag im Einhornkostüm an (und ich mache das freiwillig)).
Das sollen steht natürlich auf einem anderen Blatt.
Es reichen oftmals schon kleine Dinge, die Dich besser gekleidet aussehen lassen, tragen die anderen Jeans trägst Du Chinos, tragen die anderen Sportschuhe trägst Du klassische weiße Sneaker usw.
Nicht jedem wird das gefallen, aber das ist ja bei allem so..., mit dummen Komentaren, wie "Pennyloafer sind nur was für Opas!" oder "Der Anzug ist zu weit!" (doof nur, dass das ein Blazer war und man auch irgendwie darin atmen können muss) muss man dann halt leben.
Mache doch erstmal kleine Schritte in Richtung besseren Auftretens, versuche Dich immer ein wenig besser zu kleiden als die "anderen" ohne dabei die Notwendigkeit von Anpassung an das Umfeld auszulassen (im Englischen heißt das glaube ich Social fluency).
Den "Fehler" gleich in die Vollen zu gehen haben hier sicherlich viele gemacht (auch in Deinem Kontext), ich auch.
Funktionieren tut das aber in den wenigsten Fällen, weil man über die Stränge schlägt und man dabei mit der eigentlichen Intentionnicht weiter kommt...., mal ehrlich; Wer von euch macht das nicht, damit er im Beruf/Privatleben etc. einen Vorteil ziehen kann? Es ist ja kein "ich mache das einfach so!"
Vielleicht mal ein Beispiel, was ich mit über die Stränge schlagen meine: In unserer Sprache halten immer mehr Anglizismen Einzug, eine Reaktion darauf könnte sein so zu sprechen, wie es Goethe getan hat. Führt zu komischen Blicken und gelegentlichen Lachern. Besser wäre es doch Angliszismen zu vermeiden und in "normalem" Deutsch zu sprechen.
Zusammenfassend vielleicht: Habe Selbstbewusstsein, aber kleide Dich zur Intention passend.
 

bluesman528

Well-Known Member
#5
ich liebe Anzüge.
[...]
Da ich [...], traue ich mich nicht wirklich welche zu tragen.
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Den Anzug habe ich nun 3x auf der Arbeit getragen [...]. In der [...] war ich einmal mit Sakko und Chino. Aber ich werde dabei nie das unangenehme Gefühl los, dass mich alle anstarren und für völlig irre halten.
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Würde mich sehr über eure Einschätzung freuen. Ich habe sehr viel Spaß mit meinem neuen Hobby also schuhen Einstecktüchern Anzügen usw. aber es ist mit mir auch oft unangenehm.
Eines meiner Lieblingsthemen. :) Und es gibt darauf immer nur eine Antwort: Gerade machen, Spaß ausleben, you have to fight for your right to party. Nur Idioten glotzen. Und das hört auch nicht auf, schon gar nicht in Deutschland, wo alle verdächtig sind, die nicht im Gleichschritt mit der Masse marschieren. Aber wen kümmert's? :)

Du frisst keine kleinen Kinder, sondern lebst traditionelle ästhetische Alltagskultur aus. In jedem Blickwinkel einer Gesellschaft, die individuelle Entwicklung toleriert und fördert, ist das etwas Positives. Wem das suspekt ist, der braucht selbst mal eine grundsätzliche Neujustierung seines Wertesystems.

Im Büro gibt es immer eine Gewöhnungsphase, bis alle verstanden haben, dass man halt so aussieht. Und dann ist es eher vorteilhaft, weil selbstverständlich getragene gute Kleidung eine für einen selbst hilfreiche unterbewusste Wirkung entfaltet, auch und gerade bei denen, die sich davon latent bedroht fühlen. ;)
 
#6
Ich darf an dieser Stelle einen Absatz des wohlbekannten Herrn Knigge zitieren:
Also nur noch etwas über die Kleidung. Kleide Dich nicht unter und nicht über Deinen Stand; nicht über und nicht unter Dein Vermögen; nicht phantastisch; nicht bunt; nicht ohne Not prächtig, glänzend noch kostbar; aber reinlich, geschmackvoll, und wo Du Aufwand machen mußt, da sei Dein Aufwand zugleich solide und schön.
Auch wenn es uns die geteilte Leidenschaft für klassische Herrenmode in der heutigen Zeit nicht leicht macht halte ich die Kernaussage noch immer für zeitgemäß.
Zu den wichtigen Tugenden eines Erwachsenen gehört für mich das Streben nach Behaglichkeit des Gegenübers, dazu zählt neben entsprechenden Manieren auch ein vergleichbarer Formalitätsgrad der Kleidung. Je nach Umfeld kann dem natürlich oft die Leidenschaft zu klassisch-stilvoller Kleidung entgegenstehen – ob man dieses Eigeninteresse vor die Behaglichkeit des anderen stellen möchte bleibt dann eine individuelle Entscheidung.

Du schreibst, dass für Dich die Ocean's-Filme prägend waren. In diesem Zusammenhang solltest Du das Umfeld bedenken in dem die Protagonisten üblicherweise agieren: Würdest Du vergleichbar viel Zeit in den Luxushotels und Spielhallen der einschlägigen Metropolen verbringen wäre die Ursprungsfrage wohl gar nicht erst aufgekommen. ;)
Gerade im Gewerbe der Filmhelden möchte man im Zweifel ja möglichst wenig aus der Menge hervorstechen.
 
#7
PS: Auch wenn es widersprüchlich scheint: Ich bin in großen Teilen bei @bluesman528 – nach einer entsprechenden Eingewöhnungszeit ist die Kleidung typischerweise so nebensächlich dass sich kein Gesprächspartner diesbezüglich unwohl fühlen würde. Man muss hier wohl zwischen kurzen Begegnungen und langen Bekanntschaften unterscheiden.
 

ingirum

Active Member
#8
Möglicherweise treffen hier verschiedene unvereinbare Absichten aufeinander.
Ein Anzug ist nicht grundsätzlich eine Frage von Stand oder Vermögen. Es ist allerdings so, dass sich heute ein Gegenüber durch einen Anzug verunsichert fühlen könnte. Die Haltung des klassischen Gentleman, es dem Gegenüber so leicht wie möglich zu machen, ist eine gute Absicht und steht manchmal der Wahl einer entsprechenden Garderobe entgegen. Insbesondere, wenn man Aktivitäten in einer Gruppe plant, und vermeiden möchte, ein anderes Mitglied dieser Gruppe könnte sich hinsichtlich der eigenen Kleidungswahl schlechter gekleidet fühlen.

(Ich mache ein Beispiel: Ich habe mehrere recht junge Mitarbeiter, die erst relativ kurz nach dem Masterabschluss in den Beruf eingetreten sind. Auf der Arbeit trage ich täglich einen marineblauen Anzug. Es gibt dazu aber keien Verpflichtung. Meinen Mitarbeitern schreibe ich auch keine Kleidung vor. Deshalb kleiden die sich üblicherweise legerer und verfügen auch nicht über entsprechende, umfängliche Geschäftsgarderobe. Wenn ich nun weiß, dass ich z.B. bestimmte Außentermine, Fortbildungen oder ähnliches mit Mitarbeitern wahrnehmen muss, trage ich, sofern der Anlass nichts grundsätzlich anderes erfordert, in der Regel stattdessen eine Kombination, ein Sportsakko o.ä., damit meine Mitarbeiter, die mit mir unterwegs sind, nicht das Gefühl haben müssen, hinsichtlich der Garderobe so weit zurückzustehen. )

Der Unterschied in dieser Absicht zu der im Eingangsbeitrag beschriebenen ist aber nicht die Unsicherheit bezüglich des eigenen Auftretens, sondern es handelt sich um Rücksichtnahme. In diesem Sinne verstehe ich den Beitrag von @Josephson und stimme ihm zu.

Unsicherheit dagegen, da teile ich die Auffassung, die @bluesman528 bereits gut ausgedrückt hat, vollumfänglich, sollte nicht das entscheidende Motiv für die Wahl der Garderobe sein.

Wenn es Ihnen Spaß macht, einen Anzug zu tragen, und Sie nicht Gefahr laufen, jemanden dadurch in Verlegenheit zu bringen, sollten Sie einen entsprechenden Anzug gerne auch tragen.
 

Sledge_Max

Well-Known Member
#9
Wenn es Ihnen Spaß macht, einen Anzug zu tragen, und Sie nicht Gefahr laufen, jemanden dadurch in Verlegenheit zu bringen, sollten Sie einen entsprechenden Anzug gerne auch tragen.
Ich sehe es genau so!

Wenn die besagten Kommilitonen teilweise in Jogginghosen erscheinen, sehe ich absolut keinen Grund dafür, warum sich eine ordentlich gekleidete Person in irgendeiner Weise schämen sollte.

Persönlich denke ich aber auch, dass man sich entsprechend dem Umfeld durchaus anpassen kann (nicht muss!).

Ich arbeite ebenfalls in einem technischem Umfeld und somit sind Jeans & Hemd für die Kollegen schon das Höchste der Gefühle.
Aus diesem Grund trage ich sehr oft diverse Kombinationen (auch oft ohne Krawatte & EST), aber streue immer mal wieder vollständige Outfits (Anzug, Krawatte, EST) mit ein. Dies hat zu dem, aus meiner Sicht, netten Nebeneffekt geführt, dass ich (für die Kollegen ohne direkten Kontakt) über die Jahre zu dem "gut gekleideten Herrn aus dem Büro im 2. OG" geworden bin.

Ich würde mich an deiner Stelle an schönen Kombinationen versuchen...Daran gewöhnt sich das Umfeld i.d.R. sehr schnell und es wirkt für die meisten nicht so sehr "over the top". Wenn du täglich mit Anzug in der Vorlesung aufschlägst, könnte das von so manchem Kommilitonen doch sehr schnell als etwas überheblich aufgefasst werden.

Gruß
Max
 

havanna

Well-Known Member
#10
Ich darf an dieser Stelle einen Absatz des wohlbekannten Herrn Knigge zitieren:
Also nur noch etwas über die Kleidung. Kleide Dich nicht unter und nicht über Deinen Stand; nicht über und nicht unter Dein Vermögen; nicht phantastisch; nicht bunt; nicht ohne Not prächtig, glänzend noch kostbar; aber reinlich, geschmackvoll, und wo Du Aufwand machen mußt, da sei Dein Aufwand zugleich solide und schön.
Den knigge kannste in die Tonne knigge :p

Zu den wichtigen Tugenden eines Erwachsenen gehört für mich das Streben nach Behaglichkeit des Gegenübers, dazu zählt neben entsprechenden Manieren auch ein vergleichbarer Formalitätsgrad der Kleidung.
Mit dem "Streben nach Behaglichkeit des Gegenübers" erreichts du das genaue Gegenteil von dem was du anstrebst.
Das Gegenteil bedeutet: Alles andere als die Behaglichkeit des Gegenübers!
 
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