Brit-Look, Teil 4

Nicht englisch aber britisch sind Tartans, also Schottenkaros. Die sollte man zwar nicht unbedingt beim Wochenendtrip nach Edinburgh anziehen, da man im Pub sonst vielleicht einem Mr. Stewart erklären muss, auf welche Weise man als Deutscher mit seinem Clan verwandt ist. Ansonsten können die Farbkombis der diversen schottischen Familien aber unbesorgt getragen werden. Wer damit nicht piefig aussehen will, verzichtet auf gedeckte Varianten wie z. B. das bei älteren Damen so beliebte „Blackwatch“ und greift zum giftgrün-weinroten „Crawford“ oder dem rot-schwarz-karierten „Cameron“ mit seinem gelbem Überkaro. Der berühmte Duke of Windsor hat sich aus dem Nationalstoff der Schotten sogar Abendanzüge schneidern lassen oder tanzte zum Dinner im Kilt an. Wenn Budget oder Selbstbewusstsein für derlei Exzentrizitäten nicht ausreichen, kann Mann abends auch mit der etwas weniger spektakulären Kombi aus Tartan-Hose und flaschengrüner, weinroter oder dunkelvioletter Samt-Smokingjacke noch ausreichend Furore machen.

Komplett wird der Brit-Look erst durch die richtige Wetterbekleidung, schließlich muss man sich gegen den fast ständig drohenden Regen wappnen. Er ist für Freunde des Brit-Looks aber weniger negativ besetzt als für Anhänger anderer Stilrichtungen, schließlich ermöglicht er das Tragen der britischsten Kleidungsstücke überhaupt. Gegen leichten Niesel und kurze Schauer ist der Trenchcoat aus Baumwollgabardine die erste Wahl. Natürlich im doppelt geknöpften „Schützengraben-Design“ mit Gürtel, Sturmlasche am Kragen und Schulterklappen. Für lange Spaziergänge im Wolkenbruch eignet sich der dicht gewebte und zusätzlich imprägnierte Trenchcoat-Stoff allerdings nicht, da muss schon der Macintosh-Mantel her. Sein Erfolgsgeheimnis ist die Gummierung der Innenseite mit Naturkautschuk, die leider einen aufdringlichen Geruch nach Kondom verströmt. Da das Fossil aus Prä-Goretex-Tagen zudem verflucht schwer ist und so steif wie eine Zeltplane, findet es selbst unter völlig ins Englische Vernarrten immer weniger Abnehmer. Die würden dagegen trotz ähnlicher Nachteile der gewachsten Baumwolle nie und nimmer auf ihre Barbour-Jacke verzichten, wer sie trägt, legt Zeugnis ab für seine Liebe zum Brit-Look. Nur der grüne Gummistiefel stellt ein noch stärkeres Bekenntnis dar, ihn tragen nur die eingefleischtesten der Eingefleischten. Angetan mit von Hand gefertigten „rubber wellies“ der schottischen Kult-Marke Hunter, beliebt auch beim englischen Königshaus, stapfen sie unverdrossen durch die Regenpfützen ihrer Stadt und kümmern sich nicht im geringsten darum, dass sie von Nichteingeweihten bestaunt werden. Ganz nach dem Motto: Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur unzureichend dafür angezogene Leute.

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Bernhard Roetzel

Bernhard Roetzel schreibt über Herrenmode und verschiedene Stilfragen. Der Bildband "Der Gentleman. Handbuch der klassischen Herrenmode" ist seine bekannteste Publikation, sie liegt in fast 20 Übersetzungen vor.