Balanceakt: Der Hemdkragen

Wie Sie bereits in unserer Grundlagenserie lesen können, sollte der Hemdkragen zu seinem Träger passen. Das heißt, er sollte gewisse Eigenheiten des Trägergesichts, -halses und -körpers aufgreifen, hervorheben oder abmildern. Der Hemdenmacher weiß jedoch, daß nicht nur die Auswahl der richtigen Kragenform eine entscheidende Rolle für die Gesamterscheinung spielt, sondern auch dessen Balance. Eine kleine Einführung in das, was man vielleicht höhere Kragenmathematik nennen könnte.

Wir betrachten im Folgenden vor allem den Bereich zwischen den Kragenschenkeln, also die Stelle, die normalerweise vom Krawattenknoten ausgefüllt wird. Diese kann man sich vereinfacht als ein Dreieck vorstellen. Je weiter die Schenkel der jeweiligen Kragenform gespreizt sind, desto größer wird der obere Winkel dieses Dreiecks. Genau genommen ist der Bereich, von dem hier die Rede ist, bei einem gut gemachten Hemdkragen aber nicht immer ein Dreieck. Es gibt Kragenformen, die eine Modifikation dieser geometrischen Form notwendig machen.

Spreizen sich die Schenkel des Kragens nämlich nur wenig weit auseinander, bliebe bei einem daraus resultierenden besonders kleinen oberen Winkel kaum mehr Platz für den Krawattenknoten. Das Resultat sieht nicht nur unschön aus, weil ein Großteil des mühevoll gebundenen Knotens unter dem Kragen verschwindet und eine ordentlich vom Kragenband abstehende Krawatte so eigentlich unmöglich ist; die vielen aufeinanderliegenden Stoffschichten, Einlagen und Futter machen das ganze auch unangenehm zu tragen.

Unterschreiten die Kragenschenkel also eine gewisse Spreizung, dürfen sie sich am oberen Ende des Kragenbandes nicht mehr berühren. Aus einem Dreieck wird ein Trapez. Der Hemdenschneider spricht bei diesem Maß von der Sperrweite eines Kragen. Als Faustregel kann gelten: Je weniger Spreizung der Hemdkragen aufweist, über umso mehr Sperrweite sollte er verfügen. Man kann sich diese Idee leicht an zwei Beispielen veranschaulichen: Ein Haikragen kommt aufgrund seiner weiten Spreizung in der Regel ohne große Sperrweite aus, da er dem Krawattenknoten ohne weiteres ausreichend Platz bietet. Ein sehr wenig gespreizter Tab-Kragen dagegen benötigt eine Sperrweite von bis zu zwei Zentimetern, um im geschlossenen und verriegelten Zustand über der Krawatte nicht zu spannen und den Krawattenknoten nicht zusammenzudrücken.

Oft wird die Sperrweite des Hemdkragens eher als modischer Gesichtspunkt interpretiert. In den vereinigten Staaten scheinen beispielsweise Kragenformen ohne nennenswerte Sperrweite generell besser anzukommen, wohingegen Italiener Kragenformen ohne Sperrweite tendentiell für unbalanciert halten. Wer aber etwas mit den Parametern Spreizung und Sperrweite am eigenen Kragen experimentiert wird schnell seine individuelle Präferenz finden.

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Florian S. Küblbeck

Florian S. Küblbeck ist freier Journalist und schreibt vor allem über Mode, Stil und Genuss. Mit seinem Erstwerk "Was Mann trägt: Gut angezogen in zwölf Schritten" gab er 2013 sein Debüt als Buchautor.